Zeitz Forschungsstelle
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  In der bisherigen Literatur wird England als Geburtsland des modernen Kinderwagens bezeichnet.

Charles Burton gründete 1852 im Londoner Stadtteil Hampstead eine kleine Fabrik und ließ 1853 einen Kinderwagen, "Perambulator" genannt, patentieren, der aber kein Kinderwagen für Säuglinge war, sondern einen dem heutigen Sportwagen vergleichbaren Kinderwagentyp darstellte. Vorbilder für diesen Wagen zum Schieben sind wahrscheinlich der in England damals gebräuchliche Krankenfahrstuhl und der fahrbare Kinderstuhl gewesen.

Auf dem europäischen Festland gebührt dem Zeitzer Stellmacher Ernst Albert Naether das Verdienst, erstmalig einen Ziehwagen konstruiert und hergestellt zu haben, der ausschließlich dazu bestimmt war, Säuglinge außerhalb des Hauses zu transportieren. 1850 findet sich der erste Hinweis in der Lokalpresse, dass Naether Kinderwagen baute. Ein weiteres Zentrum der Kinderwagenherstellung neben England und Mitteldeutschland entstand ca. 15 Jahre später in Amerika.

Die Nachfrage nach zweckmäßigen Kindertransportwagen nahm vor allem im städtischen Bereich ständig zu. Die handwerkliche Fertigung konnte bei weitem den Bedarf nicht mehr decken. Bis 1900 verfügten viele Industrienationen bereits über eigene Kinderwagenproduktionen. Weltweit führend in diesem Bereich blieben für lange Zeit England, Deutschland und Amerika.

In keiner anderen Stadt Deutschlands gab es im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts eine vergleichbare Konzentration von Kinderwagenproduzenten. Günstige Standortfaktoren unterstützten die erfolgreiche Entwicklung des Wirtschaftszweiges. Da die Kinderwagenproduktion einen stark exportorientierten Industriezweig darstellt, war eine verkehrsgünstige Lage äußerst wichtig. Zeitz mit seinen Bahnanschlüssen bot dafür die besten Voraussetzungen.

Dem Naetherschen Beispiel folgend, etablierten sich in der 2. Hälfte des 19.Jahrhunderts zahlreiche Kinderwagenfirmen. Werden im Einwohneradressbuch der Stadt Zeitz von 1866 unter der Rubrik Fabrikanten 4 Kinderwagenfirmen erwähnt, so sind 11 Jahre später bereits 12 Firmen aufgeführt.

Dazu gehörten so traditionsreiche Betriebe wie Friedrich Degelow, Eduard Pfeiffer, Wünsch & Pretzsch, Haeselbarth & Storm. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gründeten sich weitere Firmen.

Die Kinderwagenfabrikation wirkte sich in Zeitz auch positiv auf andere Gewerbetreibende aus. Sie fungierten als Zulieferer für die großen Kinderwagenfirmen. Dazu gehörten unter anderen die mechanische Weberei Otto Wolf, welche die Borten, Besätze und Bänder herstellte, sowie die Kinder-,Puppen- und Krankenwagenräder produzierenden Firmen von Karl Bescherer, Hubert Feiner und Scharre.

Neben Zeitz als Deutschlands ältestem und bedeutendstem Zentrum der Kinderwagenherstellung gab es vor dem zweiten Weltkrieg in Deutschland größere Kinderwagenfirmen, u.a. in Brandenburg an der Havel, Rothenburg ob der Tauber, Ansbach, Hirschaid, Görlitz, Liegnitz sowie Eilenburg.